Siedlungen und Fernerkundung
Definitionsansätze zum Begriff 'Siedlung'
In der Geographie, Statistik und Archäologie ist eine Siedlung, Ortschaft oder ein bevölkerter Ort eine Gemeinschaft von Menschen, die an einem bestimmten Ort leben. Die Komplexität einer Siedlung kann von einer winzigen Anzahl von zusammenliegenden einfachen Schutzkonstruktionen, die der Unterkunft dienen, bis hin zu Megastädten mit umliegenden urbanisierten Gebieten reichen. Typischerweise unterliegen sie einem kontinuierlichen Wandel.
Nach der Benutzungsdauer unterscheidet man die ständig bewohnten Dauersiedlungen von kurzzeitig bewohnten temporären Siedlungen, unter diesen wiederum saisonale Siedlungen (Saisonsiedlungen), die während mehrerer Wochen unbewohnt sind, z. B. Almsiedlungen, Wochenendsiedlungen, Nomadenlager, und ephemere Siedlungen (flüchtige Siedlungen), wie z. B. Windschirme, Zeltlager u. a. Eine Reihe von Faktoren wie Krieg, Erosion, Naturkatastrophen und der Untergang großer Reiche können zur Entstehung verlassener Siedlungen führen, die Relikte für archäologische Studien liefern.
Aus physiognomischer Sicht umfasst eine Siedlung ihre bebauten Elemente wie Gebäude, Straßen, Einfriedungen, Feldsysteme, Begrenzungsdämme und Gräben, Teiche, Parks und Wälder, Wind- und Wassermühlen, Herrenhäuser, Wassergräben und Sakralbauten in unterschiedlichsten Anordnungen und Ausformungen.
Monitoring von Siedlungen mittels Fernerkundung
Die Fernerkundung (remote sensing) ist heute eines der wichtigsten Instrumente, um das Wachstum und die Struktur menschlicher Siedlungen global wie regional in objektiver, effizienter und synoptischer Weise zu überwachen. Da herkömmliche Methoden wie Volkszählungen oder Vor-Ort-Kartierungen oft zeitaufwendig, teuer und lückenhaft sind, bietet die Beobachtung aus dem Weltraum oder aus der Luft entscheidende Vorteile.
Fernerkundungsdaten ermöglichen die Erfassung und Analyse von Siedlungsstrukturen, Urbanisierung, Bevölkerungsdichte, Bodenversiegelung, Infrastruktur und Veränderungen im Zeitverlauf – oft schneller, günstiger und flächendeckender als herkömmliche Bodenbefragungen. Auch kurzfristige Veränderungen (Neubauten, Krisensiedlungen) können zeitnah erfasst werden.
Die Fernerkundung hat die Art und Weise revolutioniert, wie wir den „Fußabdruck des Menschen“ auf der Erde verfolgen. Anstatt sich ausschließlich auf die alle zehn Jahre erhobenen Volkszählungsdaten zu stützen, nutzen Forscher heute eine Flotte von Satelliten, um bebaute Gebiete, Bevölkerungsdichte und sogar das „versteckte“ Wachstum informeller Siedlungen in Echtzeit zu überwachen.
Fernerkundung ermöglicht eine synoptische Sicht, die große Flächen in kurzen Wiederholungen erfasst und so z.B. die Dynamik der Urbanisierung, Landnutzungsmuster und das Risiko von Naturkatastrophen (Überschwemmungen, Erdbeben) sichtbar macht, was für nachhaltige Stadtentwicklung und Krisenmanagement entscheidend ist.
| Kartierung der Siedlungsausdehnung | Satellitenbilder ermöglichen es, die physische Ausbreitung von Städten über Jahrzehnte hinweg zu verfolgen. Durch den Vergleich historischer und aktueller Daten (Zeitreihenanalysen) lässt sich präzise messen, wie viel Land für Wohn- und Industriegebiete versiegelt wurde.
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| Analyse der Flächennutzung und Versiegelung | Moderne Sensoren können zwischen verschiedenen Oberflächen unterscheiden. Dies hilft Stadtplanern zu verstehen, wie die Stadt „funktioniert“:
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| Monitoring informeller Siedlungen und Slums | In vielen Teilen der Welt wachsen Städte unkontrolliert, ohne offizielle Aufzeichnungen. Hochauflösende Bilder (mit einer Detailtiefe von bis zu 30–50 cm), objektbasierte Bildanalyse und KI anhand von Proxies erlauben es, informelle Siedlungen zu identifizieren, die in amtlichen Karten oft fehlen.
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| Monitoring von humanitären Hilfsmaßnahmen und Konfliktbeobachung | Fernerkundung ist in Gebieten mit bewaffneten Konflikten oder Zwangsvertreibungen von entscheidender Bedeutung. Sie wird eingesetzt, um:
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| Umwelt- und Klimamonitoring in Städten | Städte sind oft „Wärmeinseln“ (Urban Heat Islands). Thermalinfrarot-Sensoren messen die Oberflächentemperatur und zeigen, welche Stadtteile sich besonders stark aufheizen.
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| Nachtlicht-Analyse als Indikator menschlicher Aktivität | Lichtemissionen aus Nachtaufnahmen dienen zur Schätzung von Bevölkerungsdichten, Wirtschaftstätigkeit, Urbanisierungsgrad und Ungleichheiten zwischen Stadtteilen, insbesondere in weniger dokumentierten Gebieten. |
| Infrastruktur und Mobilität | Die Fernerkundung liefert Daten über die Qualität und Vernetzung der Infrastruktur:
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| Exploration / Monitoring von historischen und archäologischen Siedlungsplätzen | Multispektral- und Hyperspektraltechniken:
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Beispiel: Siedlungswachstum im Nildelta, Ägypten
Die Welturbanisierungsprognosen 2025 der Vereinten Nationen wurden am 17. November 2025 veröffentlicht. Auf der Grundlage von Daten aus der Global Human Settlement Layer (GHSL) der Gemeinsamen Forschungsstelle, die im Rahmen des Copernicus Katastrophen- und Krisenmanagementdienstes (CEMS) entwickelt wurde, verfolgt der Bericht Veränderungen in der Bevölkerungsverteilung in mehr als 12 000 städtischen Siedlungen. Er hebt eine globale Verschiebung der Siedlungsmuster hervor, wobei die Mehrheit der Weltbevölkerung mittlerweile in städtischen Gebieten lebt.
Dieses Bild, das mit GHSL-Daten erstellt wurde, konzentriert sich auf das Nildelta in Ägypten, eine der am dichtesten besiedelten Regionen der Welt. Durch den Vergleich von Schätzungen der bebauten Fläche zu drei Zeitpunkten zeigt es, wie sich das Ausmaß der Stadtentwicklung zwischen 1975 und 2025 verändert hat, zusammen mit Prognosen für 2075.
Unter Verwendung von Satellitendaten und nationalen Volkszählungsdaten liefert GHSL eine breite Palette von Daten zu menschlichen Siedlungen weltweit, darunter Schätzungen der bebauten Fläche pro Quadratkilometer und, in noch feinerer Auflösung, bis zu einer Auflösung von 100 Quadratmetern.
Diese Erkenntnisse unterstützen die Stadtplanung, indem sie Muster in der Effizienz der Landnutzung aufzeigen, insbesondere die Kontraste zwischen der Wachstumsdynamik in städtischen und ländlichen Gebieten.
Siedlungswachstum im Nildelta Quellen: Copernicus |
Üblicherweise für das Siedlungsmonitoring eingesetzte Sensoren bzw. Sensorträger (Plattformen) und Trends
Für das Siedlungsmonitoring werden drei Plattform-Typen genutzt: bemannte Luftfahrzeuge (Flugzeuge/Hubschrauber), unbemannte Systeme (UAV/Drohne) und eine große Bandbreite von Erdbeobachtungssatelliten mit optischen, SAR- und Thermalsensoren. Typische operationelle Produkte wie Global Human Settlement Layer (GHSL) und World Settlement Footprint (WSF) basieren dabei vor allem auf Landsat- und Sentinel-Daten, werden aber punktuell durch hochaufgelöste und Radarbilder ergänzt. Zusammen mit Softwarelösungen von Unternehmen wie Esri helfen sie dabei, detaillierte Geoinformationen zu gewinnen und menschliche Aktivitäten mit Umweltveränderungen zu verknüpfen.
Luftfahrzeuge
- Klassische Luftbildbefliegung (Flugzeuge/Hubschrauber) mit digitalen Rahmen- oder Zeilenscannern in RGB, NIR und PAN für Kataster, Gebäudekartierung und hochauflösende DOM (typisch 5–20 cm).
- UAV/Multicopter und Flächenflugzeuge für sehr hochauflösende Orthophotos (cm-Bereich) und 3D-Modelle via Structure-from-Motion (SfM), z.B. zur Erfassung informeller Siedlungen und feinstrukturierter Gebäudeaktivitäten.
- Airborne Laserscanning (LIDAR) zur genauen Erfassung von Gebäudehöhen, Volumina und Versiegelung, oft in Kombination mit Luftbildern für städtische 3D-Stadtmodelle.
Satelliten mit mittlerer Auflösung
- Landsat-Serie (TM / ETM+ / OLI / OLI-2, 30 m) als Langzeit-Backbone für globales Siedlungsmonitoring und GHSL-Zeitreihen (1970er bis heute).
- Sentinel-2 (MSI, 10–20 m) als zentrale Datenquelle in GHSL R2023 und CEMS für aktuelle 10 m-Karten von „built-up“ Flächen und urbanen Landnutzungen.
- Andere freie Multispektralsysteme (z.B. RESOURCESAT-2, CBERS) werden regional von Partnerinstitutionen in GHSL-ähnlichen Ansätzen eingesetzt.
Sehr hochauflösende Satelliten (VHR)
- Kommerzielle VHR-Konstellationen (WorldView-3, GeoEye, Pléiades, Spot 6/7, GaoJing / SuperView, PlanetScope u.ä.) mit 0,3–2 m GSD für detaillierte Gebäude-, Straßennetz- und Dachtypkartierung.
- PlanetScope / SkySat und ähnliche CubeSat-Flotten (3–5 m, hohe Wiederbesuchsrate) für nahezu tagesaktuelle Detektion von Neubau, Abriss und Bauaktivität.
- Diese VHR-Daten werden in vielen Studien zur Segmentierung informeller Siedlungen und zur Ableitung feingliedriger Stadtstrukturen genutzt, oft in Kombination mit Höhenmodellen.
Radarsatelliten (SAR) und Satelliten mit Thermal- und Hyperspektralsensoren
- Sentinel-1 (C-Band SAR) zur allwetterfähigen Kartierung von Siedlungsflächen, Bodenversiegelung und Deformationsmessung von Gebäuden (InSAR) in urbanen Räumen.
- Hochauflösende SAR-Systeme wie TerraSAR-X/TanDEM-X, Cosmo-SkyMed oder RADARSAT-Missionen für detaillierte urbane Strukturinformation und hochwertige DOM.
- Thermal-Sensoren auf Polar- und geostationären Plattformen (z.B. Landsat TIRS, verschiedene Meteosat- / GOES-Kanäle) für Städtische Wärmeinsel-Analysen und energetische Bewertung von Siedlungen.
- EnMAP, ein deutscher Hyperspektralsatellit (gestartet 2022), der Materialien (z. B. Dacharten, Asphaltqualitäten) anhand ihrer chemischen Signatur unterscheiden kann.
- ECOSTRESS, ein auf der ISS montiertes Radiometer zur Erfassung hochauflösender Bilder der Temperatur und Emissivität der Erdoberfläche.
Neueste Entwicklungen und Trends
- Hochauflösende Satellitenbilder: Bis zu 30 cm Auflösung (z. B. Maxar), tägliche globale Abdeckung (Planet) ermöglichen nahezu Echtzeit-Monitoring.
- Künstliche Intelligenz & Maschinelles Lernen: Automatisierte Erkennung und Klassifikation von Siedlungsveränderungen, Gebäuden und Infrastruktur durch Deep Learning.
- Integration mit IoT-Sensoren: Kombination von Fernerkundungsdaten mit Sensordaten vor Ort für noch präzisere und aktuellere Analysen.
- 3D- und Datenfusion: Verschmelzung von optischen und Radardaten für umfassende 3D-Stadtmodelle und detaillierte Analysen
Siehe auch Archäologie und Fernerkundung, Stadt und Fernerkundung, Städtische Wärmeinsel und Fernerkundung
Weitere Informationen:
- Mapping our human footprint from space (ESA 2021)
- ARSET - Earth Observations Toolkit for Sustainable Cities and Human Settlements (NASA)
- GlobalBuildingAtlas: an open global and complete dataset of building polygons, heights and LoD1 3D models (ESSD 2025)
- Deep Learning for Refugee Camps - Mapping Settlement Extents with Sentinel-2 Imagery and Semantic Segmentation (Katrin Wernicke 2023)
- How does the Copernicus programme help humanitarian aid actors? (Copernicus 2021)
- Humans and where they live – insights from the Atlas of the Human Planet 2024 (Copernicus 2024)
- The Many Layers of City Life: Urban Datasets from SEDAC (NASA 2024)
- Seven things we learned from the UN World Urbanization Prospects (Copernicus 2025)
