Lexikon der Fernerkundung

Ölteppiche und Fernerkundung

Ölteppiche (engl.: oil spills) sind auf Wasseroberflächen treibende Ölverschmutzungen durch Rohöl oder Schweröl, insbesondere auf Meeren. Sie beeinträchtigen sensible Ökosysteme. Der Grund für das Aufschwimmen des Öls liegt in seinem im Vergleich zum Wasser geringeren spezifischen Gewicht. Ursachen für Ölteppiche sind Havarien von Öltankern, illegale Tankreinigungen auf hoher See, Pipeline-Leckagen, Fehlfunktionen von Anlagen auf Offshore-Bohrinseln und natürliche Austritte von Öl aus der Erdkruste.

Fernerkundungssensoren, die von Flugzeugen eingesetzt werden, liefern eine bewährte Methode zur Erkennung und Beurteilung von Ölverschmutzungen auf dem Meer. In Deutschland werden diese seit mehr als 25 Jahren verwendet. Aktuell sind in Deutschland zur Ölüberwachung zwei Flugzeuge vom Typ Dornier 228 mit einer spezialisierten Zusammensetzung von Fernerkundungssensoren im Einsatz.

Die Deepwater Horizon-Havarie

Am 20.April 2020 hat der Satellit GOES-East die Golfküste (kl. Bild rechts unten) beobachtet. Genau 10 Jahre zuvor wurde sie von einer verheerenden Ölpest aus der Bohrinsel Deepwater Horizon heimgesucht. NESDIS war maßgeblich an der Ermittlung der Auswirkungen und der Ausbreitung der Ölpest aus der beschädigten Bohrinsel beteiligt, dank seiner satellitengestützten Produkte zur Analyse von Oberflächenöl und dem später im selben Jahr eingesetzten Programm zur Meeresverschmutzung der Abteilung für Satellitenanalyse (SAB). Das MODIS-Instrument der NASA an Bord der Satelliten Terra und Aqua überwachte ebenfalls den Verlauf der Ölkatastrophe (großes Bild), die knapp drei Monate andauerte.

Deepwater Horizon Oil Spill, April 2010 Deepwater Horizon Oil Spill, April 2010 Quelle: NOAA NESDIS

Nach einem Tankerunfall ist das größte Problem, einen Überblick über den Teppich hinsichtlich Größe und Driftrichtung zu erhalten. Bezüglich natürlicher sowie bewusst und fahrlässig herbeigeführter Ölteppiche bedarf es kontinuierlich arbeitender Monitoringprogramme. Entsprechende Luftüberwachung großer Gebiete, z.B. des Mittelmeers sind abhängig von Tageslicht und guten Witterungsbedingungen. Zusätzlich können Sonnenlichtreflexe tagsüber die Detektion behindern.

oelfilm_transport_abbau_lres Öl im Meer

Die wichtigsten Transportwege und Abbauprozesse. Wenn Öl ins Meer austritt, verursacht eine Anzahl von Abbauprozessen Veränderungen der physikalischen und chemischen Eigenschaften des Rohöls und seines Verhaltens im Meer.

Quelle: SINTEF

Einen Ausweg aus diesem Dilemma bietet seit einigen Jahren der Einsatz satellitengetragener Radarinstrumente (Synthetic Aperture Radar), unterstützt von EO-Satelliten, die mit Sensoren wie multispektralen und hyperspektralen Bildgebern, Radiometern und Höhenmessern ausgestattet sind. Mit ihren aktiven Mikrowellensensoren beleuchten die Satelliten (z.B. RADARSAT, TerraSAR-X) die beobachtete Szene und registrieren das zurückgestreute Radarecho. Sie sind in der Lage, auch kleinere Ölteppiche aus der Erdumlaufbahn zu erkennen.

In einem Radarbild wird die ausgesandte Radarstrahlung hauptsächlich durch die Kapillarwellen zurückgestreut. Diese Bereiche erscheinen im Bild heller. Mineralöl dämpft Kapillarwellen und vermindert die Rückstreuung. Deshalb zeichnen sich Ölfilme auf den Radarbildern als dunkle Zonen in einer ansonsten heller erscheinenden Umgebung ab. Allerdings werden Wellen auch durch andere Einflüsse gedämpft, wie zum Beispiel dünne Algenfilme, die ein ähnliches Radarbild entstehen lassen. Weitere natürliche Ursachen für die dunklen Flecken können z. B. windstille Zonen sein, d. h. Gebiete in denen es nicht genügend Kapillarwellen gibt, oder auch Sandbänke.

Eine normale Wasseroberfläche erscheint dunkel, so lange die Windgeschwindigkeit unterhalb drei m/s – das entspricht etwa Windstärke 2 – nicht übersteigt; in diesem Fall ist die durch die nur leichte Brise verursachte Aufrauung der Wasseroberfläche zu gering, um die Rückstreuung des Radarstrahls erkennbar zu beeinflussen. Umgekehrt reicht die glättende Wirkung zumindest dünner Ölschichten bei Windgeschwindigkeiten jenseits von zehn m/s, entsprechend Windstärke 6, nicht mehr aus, um noch einen erkennbaren Unterschied in der Oberflächenrauhigkeit und damit dem Rückstreuvermögen der Meeresoberfläche zu bewirken.

Daher sind Zusatzdaten zum eigentlichen Radarbild zur Beurteilung nötig, sonst besteht die Gefahr der Fehlinterpretation. Daher ist die Kombination von Satellitenbildern mit Flugzeugeinsätzen zur weiteren Überprüfung wesentlich, sowie dass die Flugzeuge mit einem entsprechenden erweiterten Sensorsystem ausgestattet sind und von geschulten Operateuren betrieben werden.

Erkennbarkeit von Ölteppichen abhängig von der Wasserrauigkeit Erkennbarkeit von Öltepichen abhängig von der Wasserrauigkeit

Das satellitengestützte SAR-Radar, das Aufnahmen unabhängig vom Wetter und den Lichtbedingungen machen kann, ist ein hervorragendes Werkzeug, um Öl auf Wasseroberflächen zu entdecken.

Ölteppiche erscheinen als dunkle Flecken auf den Radar-Bildern, da das Öl eine glättende Wirkung auf die Meereswellen hat. Dadurch wird die Rückstreuung des Radar-Signals zum Instrument reduziert.

Quelle: nach Eduspace

Relevante Satellitenmissionen

Sentinel-1 Die ESA-Sentinel-1-Konstellation besteht aus zwei Radarbildsatelliten, Sentinel-1A, der im April 2014 gestartet wurde, und Sentinel-1C, der im Dezember 2024 startete, nachdem die Mission von Sentinel-1B Ende 2021 vorzeitig beendet wurde.

Die identischen Satelliten sind mit einem C-Band-SAR-Instrument ausgestattet, das die Rauheit der Meeresoberfläche messen und somit Ölverschmutzungen erkennen kann.

Auch ist Sentinel-1 mit seinen InSAR-Fähigkeiten eine wichtige Mission zur Überwachung der seismischen Aktivität rund um die Erde sowie zur Überwachung von Meereis und Landeis, zur Kartierung von Wäldern und zur Wasser- und Bodenbewirtschaftung.
ENVISAT EnviSat war eine Mission der ESA mit dem Ziel, die Umwelt der Erde zu überwachen, insbesondere in den Bereichen Meteorologie, Klimatologie, Umwelt, Atmosphärenchemie, Vegetation, Hydrologie, Landnutzung sowie Ozean- und Eisprozesse.

Der Satellit wurde im März 2002 gestartet und im April 2012 außer Betrieb genommen. Der an Bord befindliche Advanced SAR (ASAR)-Sensor war das wichtigste Instrument zur Erkennung von Ölverschmutzungen.
Cosmo-SkyMed (CSK) und COSMO-SkyMed Second Generation (CSG) COSMO-SkyMed Second Generation (CSG) ist eine fortschrittliche Radarsatellitenkonstellation, die von der italienischen Weltraumagentur in Zusammenarbeit mit dem italienischen Verteidigungsministerium entwickelt wurde. Sie baut auf dem System der ersten Generation COSMO-SkyMed (CSK) auf und verbessert die Fähigkeiten sowohl für zivile als auch für Verteidigungsanwendungen.

CSK wurde erstmals im Juni 2007 gestartet, während CSG erstmals im Dezember 2019 gestartet wurde. Die Satelliten sind mit fortschrittlichen X-Band-Synthetic-Aperture-Radar-Instrumenten (SAR) ausgestattet, um Veränderungen an der Erdoberfläche zu überwachen, und eignen sich für Anwendungen in der Meeresüberwachung, beispielsweise zur Erkennung und Kartierung von Ölverschmutzungen.
ALOS-2 und ALOS-4 ALOS-2 und ALOS-4, entwickelt und betrieben von der japanischen Weltraumagentur JAXA (Japan Aerospace Exploration Agency), wurden am 24. Mai 2014 bzw. am 1. Juli 2024 gestartet. Beide Satelliten sind mit einer Version des Phased-Array-L-Band-Synthetic-Aperture-Radars ausgestattet, wobei ALOS-2 mit PALSAR-2 und ALOS-4 mit PALSAR-3 ausgestattet ist. Die Instrumente liefern hochauflösende Bilder und unterstützen die Umwelt- und Meeresüberwachung, einschließlich der Erkennung von Ölverschmutzungen.
NovaSAR-1 NovaSAR-1 wurde am 16. September 2018 gestartet und gemeinsam von Surrey Satellite Technology Ltd. (SSTL) und Airbus Defence and Space mit finanzieller Unterstützung aus Großbritannien, Indien, Australien und den Philippinen entwickelt.

Er ist mit einem S-Band-Synthetic-Aperture-Radar (SAR) und einem Empfänger für das Automatische Identifikationssystem (AIS) ausgestattet und ermöglicht so die Bildgebung bei jedem Wetter und zu jeder Tageszeit sowie die Verfolgung von Seeschiffen. Das SAR-Instrument in NovaSAR-1 ist in der Lage, Ölverschmutzungen durch die Erkennung von Veränderungen der Meeresoberflächenrauheit zu erkennen, während das AIS die Identifizierung der Quelle unterstützt.
PAZ PAZ wurde am 22. Februar 2018 gestartet und ist Spaniens erster Erdbeobachtungssatellit, der mit einem X-Band-Synthetic-Aperture-Radar (SAR) ausgestattet ist. Er wurde von Airbus Defence and Space entwickelt und wird von Hisdesat betrieben. Sein SAR-Instrument erfasst detaillierte Oberflächenbilder, die zur Erkennung von Meeresverschmutzung und Ölteppichen verwendet werden können.
RADARSAT Die RADARSAT-Serie ist eine kanadische C-Band-Synthetik-Apertur-Radar-Satellitenserie. RADARSAT-1, gestartet im November 1995, und RADARSAT-2, gestartet im Dezember 2007, werden von der Canadian Space Agency (CSA) betrieben. Auf diese beiden Satelliten folgte die RADARSAT Constellation Mission (RCM) mit drei identischen SAR-Satelliten, die häufigere Wiederholungszeiten und eine verbesserte Abdeckung bieten.

Alle RADARSAT-Missionen liefern hochauflösende Erdbeobachtungsdaten für Anwendungen wie Umweltüberwachung, Meeresüberwachung und Katastrophenmanagement. Dank der verbesserten zeitlichen Auflösung und der großflächigen Bildgebungsfähigkeiten der RCM eignet sie sich besonders gut für die Erkennung von Meeresverschmutzungen und Ölteppichen.
SAOCOM Der Satélite Argentino de Observación COn Microondas (SAOCOM), zu Deutsch „Argentinischer Mikrowellenbeobachtungssatellit“, besteht aus zwei Satelliten, SAOCOM-1A und SAOCOM-1B, die der argentinischen Weltraumagentur CONAE gehören und von ihr betrieben werden. SAOCOM-1A wurde am 8. Oktober 2018 gestartet, SAOCOM-1B am 20. August 2020.

Beide Satelliten sind mit einem L-Band-SAR-Instrument ausgestattet, das die Bodenfeuchtigkeit überwachen, Ölverschmutzungen auf der Meeresoberfläche erkennen und das Ausmaß von Überschwemmungen und anderen Naturkatastrophen bewerten kann.

Projekte wie z. B. OCEANIDES oder Mar-Coast bereiteten den Weg für den heutigen Satellitendienst CleanSeaNet der Europäischen Agentur für die Sicherheit des Seeverkehrs (EMSA). In Kombination mit den Ölüberwachungsflugzeugen hat diese Technologie mittlerweile die für eine operationelle Nutzung nötige Reife erreicht.

Wird eine Ölverschmutzung festgestellt, so können numerische Driftmodelle den Driftweg der Verschmutzung vorhersagen oder den Weg zu möglichen Quellen und Verursachern zurückverfolgen. Diese Modelle können wertvolle Eingangsdaten aus der Fernerkundung erhalten. Dies sind insbesondere Information über einer Sichtung mit Zeitpunkt, Position und Verteilung. Ein Prototyp für die Verknüpfung von Fernerkundung und öldriftprognose wurde in einem Projekt von DeMarine erstellt.

Weitere Informationen:


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